Nach dem gescheiterten Versuch zum höchsten Berg des Irans zu kommen (siehe Blog 028), sind wir zunächst planlos, wohin es als nächstes gehen soll. Daniel erinnert sich an einen Artikel den er vor unserer Reise gelesen hat, in dem eine Gegend im Nordosten, Khalid Nabi, erwähnt wird.
Irgendein Ziel brauchen wir ja, also machen wir uns in diese Richtung auf.
Das erste Mal im Iran nimmt uns mal wieder ein LKW-Fahrer mit. Für uns einfach die entspanntesten Fahrten. Keine Diskussion über Geld, keine Erklärung, was wir hier eigentlich machen und kein Hin und Her, wenn der Fahrer uns wieder rauslässt. Dazwischen entspannt Çay und Havich bastani (Karottensaft mit Eis) schlürfen. So macht das Trampen wieder Spaß!

Auch am nächsten Tag haben wir Glück und werden von der Radiomoderatorin Banoo und ihrem Mann 200 km bis nach Schahrud mitgenommen. Eine angenehme Fahrt, Banoo spricht sehr gut Englisch und erzählt uns über ihre Arbeit. Ganz nebenbei erwähnt sie, dass sie auf dem Weg nach Schahrud ist, um dort ihre Abschlussprüfung in Psychologie abzulegen. Also mir wäre da vor lauter Aufregung sicherlich nicht danach, Smalltalk mit Fremden zu führen aber Banoo ist tiefenentspannt.

Im nächsten Ort Bastam haben wir uns per GoogleMaps eine Unterkunft rausgesucht, es ist mal wieder höchste Zeit zu waschen. Booking.com und ähnliche Plattformen funktionieren im Iran nicht, also laufen wir per GPS zur Adresse. Es ist mal wieder kompliziert. Wir haben eigentlich nur 2 Fragen: Ist ein Zimmer frei und was kostet es. Doch daraus wird eine minutenlange Diskussion und es müssen verschiedene Leute angerufen werden. Nach 15 Minuten bekommen wir endlich die Info, dass ein Zimmer frei ist. Und schließlich rückt der Herr damit raus, dass er locker-flockige 40 USD haben will, für ein Zimmer in einem Hostel. Ja, manchmal werden die Iraner etwas größenwahnsinnig … Wir kommentieren das gar nicht und verlassen das Hostel. Wieder einmal Zeit durch sinnloses Rumdiskutieren verloren, dabei sehnen wir uns doch nur nach einer erfrischenden Dusche und sauberen Klamotten.
Wir finden zum Glück noch eine andere Unterkunft bei GoogleMaps, klingeln bei mehreren Häusern bis wir schließlich beim richtigen angekommen sind. Eine etwas überrascht dreinschauende Familie öffnet uns, Touristen hatten sie hier noch nie zu Gast! Wir dürfen uns in der Wohnung im ersten Stock breit machen und sollen noch nicht einmal etwas bezahlen! Sie sind super bemüht es uns recht zu machen, laden uns sogar noch zum Abendessen und zu einem kleinen Stadtrundgang ein. Ein schönes Erlebnis aber gleichzeitig auch anstrengend, da niemand in der Familie Englisch spricht, unsere Farsikenntnisse begrenzt sind und wir uns den ganzen Abend mit Übersetzungsapp unterhalten.

Nach weiteren 3 Tagen kommen wir schließlich in der Gegend um Khalid Nabi an. Die Landschaft dort ist unbeschreiblich, sowas haben wir noch nie gesehen. Mostafa wohnt im letzten Dorf vor Khalid Nabi aber lässt es sich nicht nehmen, uns bis an unser Ziel zu bringen. Wir sind total begeistert von der Umgebung und es sind kaum Menschen hier, wir wollen auf jeden Fall den Tag und die Nacht hier verbringen.

Mostafa versteht das nicht so ganz. Es sei viel zu warm, es gäbe hier keinen Supermarkt und überhaupt wäre es doch viel besser, wir würden zu ihm nach Hause kommen. Wir lehnen mehrmals ab und er scheint erst beruhigt zu sein, als wir ihm zusagen, dass er uns am nächsten Morgen abholen „darf“.
Wir atmen durch und genießen einen ruhigen Tag in der schönen Umgebung. Kurz vor 21 Uhr bauen wir unser Zelt auf und freuen uns aufs Bett als wir plötzlich ein Auto hören. Daniel scherzt noch, das sei bestimmt Mostafa. Und ein paar Minuten später hören wir tatsächlich seine Stimme… Er habe uns Abendessen vorbeigebracht! Wir haben natürlich schon gegessen aber aus der Nummer kommen wir jetzt nicht mehr raus, zumal Mostafa auch noch seine Frau und vier Kinder im Gepäck hat. Ein weiterer Abend mit Übersetzungsapp, den wir uns irgendwie anders vorgestellt haben.
Versteht mich nicht falsch, es ist natürlich total lieb uns Essen vorbeizubringen aber auch wieder mal ein wunderbares Beispiel für die Bevormundung und das Ignorieren der Wünsche des Anderen… (Siehe Blog 028)
Selbstverständlich müssen wir wieder mehrmals beteuern, dass wir hier im Zelt schlafen und nicht mit ihnen nach Hause kommen wollen bevor wir endlich unsere Nachtruhe haben.
Wie versprochen holt uns Mostafa am nächsten Morgen ab, fährt uns die ganze Strecke zur nächsten Stadt und bringt uns sogar noch zum Autobahnzubringer. Wir sind ihm wirklich unendlich dankbar für alles, was er für uns getan hat!

Gut 450 km sind es bis zur nächsten Großstadt Maschhad, von dort wollen wir einen Fernbus nach Yazd nehmen. Doch wir merken, dass irgendwie die Luft raus ist. Wir haben keine Lust mehr auf den ewig gleichen Smalltalk, es ist alles zu viel. Ein Drittel der Strecke fahren wir noch per Anhalter, dann steigen wir doch früher als gedacht auf den Bus um.
In Maschhad angekommen erwartet uns ein total überfüllter Busbahnhof. Während sich Menschentrauben vor den Schaltern bilden, spielen die Ticketverkäufer gelangweilt auf ihren Handys herum ohne jemanden zu beachten. Ein Deutsch-Iraner kommt uns zu Hilfe und erklärt uns, dass aufgrund von Muharram (ein heiliger Monat im Islam) alle Busse in alle Richtungen für die nächsten Tage ausgebucht sind. Großartig…
Mit etwas Rumgelaufe und -gefrage tut sich genau eine Möglichkeit auf, um voran zu kommen. Wir können einen Bus nach Zahedan an die pakistanische Grenze nehmen. Dort hätten wir früher oder später ohnehin hingemusst um unser Pakistanvisum im Konsulat abzuholen.
Gut 10 Stunden sitzen wir im Bus und kommen mitten in der Nacht in Zahedan in der Provinz Belutschistan an. Hier ist vieles nochmal ganz anders als im restlichen Teil des Landes und wir fühlen uns nicht unbedingt wohl. Im Park gegenüber des Bushofs wollen wir uns bis zum Sonnenaufgang ausruhen, im Iran kann man eigentlich fast überall sein Zelt bedenkenlos aufstellen. Doch hier laufen schon ein paar zwielichtige Gestalten herum… Wir nicken beide kurz auf der Parkbank ein und werden tatsächlich das erste Mal auf unserer Reise beklaut. Nichts von Wert aber es ist ein komisches Gefühl, die Sachen lagen direkt neben Daniels Kopf, jemand ist uns also sehr sehr nahe gekommen. Andererseits ist es das erste Mal in über 2 Jahren, dass wir beklaut werden. Vielleicht sollte man das deshalb gar nicht so überdramatisieren. Außerdem ein gutes Beispiel, auf sein Bauchgefühl zu hören, denn das hat mir ganz klar von diesem Park abgeraten.

Ein paar Stunden später machen wir uns auf den Weg zum pakistanischen Konsulat und nach 3 Stunden haben wir unser Visum in der Tasche. Wir wollen schnell weg aus Zahedan und sind ziemlich durch. Deshalb entscheiden wir uns, zum dritten Mal nach Shiraz zu fahren. 16 anstrengende Stunden später stehen wir also wieder völlig ko und schwitzend vor dem Ziba Hostel und es fühlt sich direkt nach „nach Hause kommen“ an.
4 Wochen haben wir den Nordosten des Landes erkundet. 5124 km in teils 16-stündigen Busfahrten und mit diversen Mitfahrgelegenheiten, endlose Diskussionen in denen wir versucht haben, das Prinzip des Hitchhikens zu erklären, unzählige Selfies mit Fremden, in einer Endlosschleife die ewig gleichen Fragen beantwortet.
Und gleichzeitig 4 Wochen, in denen wir einen Iran gesehen haben, wie wir ihn uns nie hätten vorstellen können. Grün, uralte Wälder, scheinbar unberührtes Gebirge, Landschaften wie Khalid Nabi, die wohl einmalig auf dieser Welt sind.
Wir haben Menschen getroffen, die unser Herz nachdrücklich gerührt haben, die uns aber auch manchmal an den Rande des Nervenzusammenbruchs gebracht haben. Wir haben geschwitzt, geflucht aber auch sehr viel gelacht.
Unsere Batterien sind nun dermaßen leer, das merken wir erst so richtig, nachdem wir im Hostel zur Ruhe kommen.
Deshalb ist es jetzt erstmal Zeit zum Beine hochlegen!

Wie schön geschrieben liebe Bea! Großes Kompliment! 😘
Auf Euer nächstes Work-away bin ich schon sehr gespannt!
Fühlt Euch ganz lieb gedrückt 💞🤗
Dankeschön ❤
Danke Mama ❤️❤️❤️
Es ist schön auf diese Weise an eurer Reise teilnehmen zu dürfen 😉
Danke Sabine ☺️
Dann ladet eure Batterien auf, habt ihr euch verdient. ☺️ Das braucht man immer und überall mal. Nicht nur auf Reisen. Ich bleib gespannt auf Pakistan.
Lg Ramona
Die Batterien für neue Abenteuer sind jetzt aufgeladen. Visum ist verlängert. Jetzt muss ich nur noch gesund werden. Und dann geht’s volle Kanne weiter 💪👊😃
Es ist wieder mal ein wunderschöner Text und ließ mich tatsächlich noch kurz überlegen, ob ich nicht doch noch einen Abstecher nach Khalid Nabi unternehme, aber die Landschaft zwischen Isfahan und Yazd war ebenfalls wunderschön und nicht mehr “toppbar” . Das muss ich mir zumindest gerade einreden um nicht das Gefühl zu haben, wieder mal etwas verpasst zu haben.
Lohnen würde es sich auf alle Fälle und mit dem Fahrrad ist alleine die Anreise dort hin schon der Knaller! Aber, man muss ja nicht alles machen und jeder findet ja für sich diese magischen Orte. Alles Gute weiterhin in Mashad mein Lieber 😊
Hallo Ihr Beiden Lieben,
Es ist ein Wahnsinn was Ihr erlebt und wie Du es immer so anschaulich schilderst.
1000 Dank und gute Erholung und ganz liebe Grüße
Theresa
Hallo liebe Theresa,
Erholung haben wir jetzt hier im Hostel zu genüge. Es ist sooo schön ruhig und entspannt ☺️ wir nutzen die Zeit hier um uns u.a. mit dem übernächsten Kracher „Visum für Indien“ zu beschäftigen. Und ich arbeite schon am 3. großen Armenien, kann ich aber leider wegen der Internetprobleme hier vor Ort nicht hochladen 😉
Es bleibt spannend
Liebe Grüße
Daniel